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ZUVERSICHT-Begehung: Wahrnehmung des öffentlichen Raumes bei psychischen Krisen

05.07.2023

Am 5.7.2023 um die heiße Mittagszeit machte sich eine Gruppe mit Teilnehmenden von Achterbahn Steiermark – Unabhängige Peerbewegung für psychische Gesundheit, b.a.s – Steirische Gesellschaft für Suchtfragen, Trialog und weiteren interessierten Personen auf den Weg: Dies sind Projektpartner*innen bei „Zuversicht“, einem inspire- Projekt zur Förderung der seelischen Gesundheit mit Fokus auf prekär erwerbstätige/ lebende Personen.
Die Strecke im stark von Gentrifizierung geprägten Grazer Bezirk Lend war kurz – vom Lendplatz/Lendmarkt zum Südtirolerplatz – aber aussagekräftig. Der sozioökonomische Umbau des Bezirkes ist augenfällig – erhöhte Mieten sind einer der unerwünschten Effekte. Die verkehrsberuhigenden Maßnahmen in der Mariahilferstraße wirken jedoch gut durchdacht und erhöhen die Lebensqualität auch für weniger mobile Menschen.
Bei der Begehung wurde gemeinsam überlegt, wie Personen mit psychischen Krisen den öffentlichen Raum wahrnehmen (könnten). Personen mit Depressionen oder Ängsten ziehen sich beispielsweise verstärkt aus dem öffentlichen Raum zurück – sei es, um dem Gefühl des Beobachtet-Werdens zu entgehen, sei es, um Fragen von Bekannten nach dem Befinden zu vermeiden, sei es, weil Sonne, Hitze, Kälte und Lärm zu große Stressoren sind. Diese Isolation kann gesundheitliche Krisen nochmals verschärfen. Auch die Teilnahme an gesellschaftspolitischen Kundgebungen oder Veranstaltungen mit dichten, lauten, agitatorischen Menschenansammlungen kann für Menschen mit seelischen Krisen unmöglich sein. Und eine inklusive Demo-Kultur für diesen Aspekt der sozialen Teilhabe fehlt noch. Es besteht allgemein der Eindruck, dass es zu wenige konsumfreie Räume für Erwachsene gibt – und patriarchale Geschlechterverhältnisse verschieben dies nochmals zuungunsten von Frauen* und Mädchen.
Suchterkrankungen waren ebenfalls Thema, da diese oftmals mit psychischen Beeinträchtigungen einhergehen – Stichwort Komorbiditäten.
Zum Thema Hilfsbereitschaft: Da gab es irritierende Hinweise auf keinerlei Unterstützung nach einem Raubüberfall, aber auch rasche Hilfe etwa bei Krampfanfällen durch Passant*innen.
Bei der Frage, wo es einem gutgeht, kam die Bedeutung von grünen, beschatteten / im Winter sonnigen – Sitzmöglichkeiten ohne Konsumzwang auf. Auch ausreichende, saubere Toiletten sind ein Pluspunkt. Ebenso Trinkwasser-Brunnen. Die Gasthaus-Kultur wurde ebenfalls angesprochen – sie ist ja DNA des rechten Murufers – speziell der Bezirke Lend und Gries, die jahrhundertelang traditionelle Arbeiter*innen- und „Zugewanderten“-Bezirke mit wichtigen Durchzugsstraßen waren.
Personen in psychischen Krisen haben teils Schwierigkeiten, sich örtlich zurechtzufinden bzw. können wegen Konzentrationsproblemen Ortsangaben schlechter nachvollziehen. Das bedeutet, sich auch in bekannten Gegenden zu verlaufen oder qualvoll oft nach dem Weg fragen zu müssen. Kurze, nicht zu detailreiche Ortshinweise bieten hier Abhilfe, ebenso angemessen artikulierte Angebote der Begleitung.
Ein Abstecher zur Hörbücherei der Minoritenpfarre am Mariahilferplatz  bot Gelegenheit, diese ehrenamtlich geführte Einrichtung kennenzulernen.

Beim Café Centraal, das früher ein typisches Grazer-Vorstadt-Bordell war, wurde über aktuelle Entwicklungen der Sexarbeit in Graz ausgetauscht: Derzeit sind viele Laufhäuser an die großen Grazer Durchzugsstraßen angesiedelt. Das Frauenservice Graz bietet mit dem Gesundheitsförderungsprojekt SXA breitgefächerte Unterstützung und Begleitung für Sexarbeiter*innen an.
Ein wohlwollender, aufeinander bezogener menschlicher Umgang im öffentlichen Raum, wo Nähe und Distanz permanent spürbar sind und immer wieder ausverhandelt werden müssen, ist dabei das „Um und auf“. Eine durchdachte Stadtplanung ist dafür eine wichtige Antistigma-Grundlage.
Die Ergebnisse der Begehung wurden foto- und videodokumentiert und werden beim Zuversicht-Fachtag am 28.9.2023, 14.00-17.00 Uhr, im Grazer Rathaus vorgestellt. Sie sollen einen Beitrag für einen inklusiv gestalteten öffentlichen Raum für Menschen unabhängig von ihrem aktuellen psychischen Befinden leisten.

Edith Zitz

Fotos: © Nikolaos Zachariadis

WEITERFÜHRENDE LINKS:
https://www.achterbahn.st/
https://www.bas.at/
https://www.hpe.at/de/bundeslaender/steiermark/
https://www.frauenservice.at/beratung/sxa
https://www.achterbahn.st/termine/67/96367-Trialogische-Gespr%C3%A4chsgruppe.html
https://inspire-thinking.at/projekte/zuversicht/

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