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Baustellenführung Tummelplatz Graz

29.04.2026, 17:00

Unsere Sitzung am Tummelplatz!

Die Baustellenführung Tummelplatz in Graz am 29.04.2026 begann mit einer Vorstellungsrunde. Das UNTERWEGS!-Team dankte den sehr bunt zusammengesetzten Teilnehmenden der Selbstbestimmt Leben-Frauengruppe, des Akademischen Gymnasiums, der Diözese Graz-Seckau/Katholische Aktion und Katholische Frauenbewegung KfB, des Odilien-Instituts, LebensGross/ERFA-Nähwerkstatt, der Technischen Universität Graz, QuFOQueer Feministische Organisation Graz, sowie Privatpersonen und Vertreter*innen aus Politik und dem Magistrat Graz (Inklusions-Koordinationsstelle, Stadtbaudirektion).

Tina Weißhaupt eröffnete mit einigen launigen Worten die Veranstaltung. Bei einem Anruf am Handy meldete sie sich folgendermaßen: „Du, ich kann gerade nicht telefonieren, ich bin gerade bei einer Sitzung im öffentlichen Raum!“. Sie erzählte, dass sie sich seit einiger Zeit im Rolli gefahrloser bewegen kann als mit Krücken. Mit zunehmendem Alter bemerkt sie mehr Hindernisse. Manche Grazer Bezirke weisen eine sehr geringe Barrierefreiheit auf, da ist oft schon der Weg zur Straßenbahn nicht möglich. Den Tummelplatz aktuell empfindet sie hinsichtlich Zugänglichkeit und Barrierefreiheit als „schlecht“ und zubetoniert. Sie wünscht sich berollbare Platten sowie eine gute „Einschulung“ der Stadtplaner*innen. Ihr Appell: Die UN-Behinderten-Konvention wurde zwar ratifiziert, soll aber auch umgesetzt werden!

Vladimir Strecansky (Stadt Graz, Stadtbaudirektion) gab einen sehr gut aufbereiteten, allgemeinen Überblick über die Baustelle Tummelplatz und beantwortet die Fragen und Hinweise der Teilnehmenden. Umgang mit Hitzebelastungen und Barrierefreiheit waren dabei Schwerpunkte. Er verwendete verschiedene Pläne, die die Umgestaltung veranschaulichen. Seit 2024 finden Vorarbeiten statt, seit 2.3.2026 wird der Bischofsplatz umgebaut.  Es folgen Bindergasse, Bürgergasse, Tummelplatzgasse und Burggasse. Dabei entstehen Begegnungszonen und eine Fußgängerzone (ausgenommen Radfahrer*innen). In der Zeit zwischen 5:00 und 10:00 Uhr dürfen Lieferant*innen zufahren.

Der Tummelplatz wurde 1990 neu gestaltet. Er wurde wegen der Lichtquellen im Boden als „Ufolandeplatz“ bezeichnet. Er ist seit vielen Jahren sanierungsbedürftig. Durch laufende, unsachgemäße Ausbesserungen wurde die Versickerung von Regenwasser erschwert, sodass auch Hochwassergefahr besteht, bzw. tieferliegende Immobilien von Überschwemmung betroffen waren. Nun ist die umfassende Entsiegelung geplant. Der städtische Kanal soll durch eine Sickeranlage entlastet werden. Hierbei handelt es sich um einen 5 Meter tiefen Brunnen bzw. ein Retentionsbecken, in dem das Wasser langsam versickern kann. Geplant ist auch ein Springbrunnen, sowie befahrbare (mit technischen Filtern ausgestattete) und nicht befahrbare/begrünte Flächen. Überhaupt soll der Platz grüner und somit gesundheitsförderlicher werden. Von den bisher 8 Bäumen mussten zwar 2 gefällt werden, 32 neue klimaresistente Stadtbäume werden jedoch gepflanzt. Die Beläge der 5.150 m2 großen Fläche (davon ca. 1.000 m2 begrünt) werden aus Naturstein sein. Dabei kommen 3 Steintypen (farblich kontrastreich, berollbar durch geschnittene Oberflächen) zum Einsatz. Diese machen auch die unterschiedlichen Zonen, z.B. berollbare Korridore, sichtbar. Eine Musterfläche mit ca. 3,5 x 3,5 m ist bereits am Bischofsplatz zu besichtigen. Es wird darauf geachtet, auf möglichst viele Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen einzugehen, zum Beispiel Personen mit Taststock („Weißer Stock“), Rollstuhl-Fahrer*innen, neurodivergente Menschen oder Menschen mit psychischen/neurologischen Belastungen, die die Hitze schwer ertragen.

Eine Art Sitzmöbel bzw. Poller werden die schnelleren von den langsameren den Platz querenden Personen räumlich trennen. Flächen, die durch Schatten bzw. Beleuchtung und Sitzgelegenheiten zum Verweilen einladen, sind somit etwa vom Raum für Radfahrer*innen getrennt.

Die Umsetzung des Umbaus erfolgt in 4 Bauabschnitten. Dabei wird auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Anrainer*innen (z.B. Matura im Akademischen Gymnasium) auch zeitlich Rücksicht genommen. Diese feine Abstimmung mit den Betroffenen vor Ort zeigt einen zeitgemäßen ethischen Standard der Stadt-Verantwortlichen.

Zum Thema Hitzeschutz am Tummelplatz: dies erfolgt primär durch die Bäume (Beschattung, Verdunstung). Technische Hitzeschutzmaßnahmen sind nicht geplant. Zwei Trinkbrunnen und ein Wasserspiel sollen für zusätzliche Abkühlung sorgen. Das Wasserspiel soll ohne Becken ausgeführt werden, jedoch so, dass es auch für Blinde erkennbar/ertastbar ist und nicht zu einer unfreiwilligen „Unterbodenwäsche“ führt. Wenig bekannt ist übrigens die mit EURO Key-zugängliche „Behinderten-Toilette“ direkt am Tummelplatz.

Die Gesamtfertigstellung des Tummelplatzes ist im Sommer 2027 geplant. Der Bischofsplatz soll bis Herbst – Winter 2026 fertig werden. Es sind 110 Radabstellplätze vorgesehen – auch für Lastenräder, diese müssen laut StVO in den Begegnungszonen angesiedelt sein. Die derzeit noch 12 (Auto-)Parkplätze in der angrenzenden Gasse entfallen. Insgesamt 5 Behinderten-Parkplätz bleiben. Freiflächen zum Wenden für den Zulieferverkehr sind eingeplant.

Als Beleuchtung kommt eine abgehängte Grundbeleuchtung im gesamten Gebiet sowie Beleuchtungssäulen bei den Grün- bzw. Verweilflächen. Die Sitzgelegenheiten werden aus kontrastreichem, rötlichem Terrazzo gestaltet, sodass sie auch von sehbeeinträchtigten Personen nicht übersehen werden.

Die Bäume werden nach Stockholmer Vorbild im Schwammstadtprinzip mit erweitertem Wurzelbereich gepflanzt. Insgesamt sollen so ca. 1.400 m3 zur Wasserspeicherung zur Verfügung stehen. Die Fläche wird durchgehend – ohne Gehsteige – umgesetzt, Auch der Arkadengang als Verbindung zwischen Bischofsplatz und Tummelplatz wird berollbar und somit für alle Gehenden angenehm ausgeführt.

Die Stadt Graz arbeitet bei der Planung und Gestaltung von Plätzen mit verschiedenen von Behinderungen betroffenen Personen und mit Sachverständigen zusammen. Dabei werden Bedürfnisse erhoben und anschließend Mitarbeitende auf dieser Basis geschult. Diese Schulungen setzen z.T. auf Simulationen mit VR-Brillen oder die praktische Erprobung von Ideen aus beispielsweise der Sicht von Rollstuhlfahrer*innen, indem die Umgebung selbst im Rollstuhl erlebt wird.

Ein Beispiel für die Einbeziehung der Expertise von Erfahrungsexpert*innen sind die ursprünglich geplanten, jedoch nicht umgesetzten Rasenfugen: Diese dienen zwar dem Versickern von Wasser, sorgen für Abkühlung und etwas mehr Grün im öffentlichen Raum. Sie können jedoch leicht herausgetreten werden und dann den Bereich etwa für Rollstuhlfahrer*innen unwegsam machen.

Ein Teil der Gruppe besuchte den Fairtrade-Shop Chic Ethic am Tummelplatz und erhielt dort Informationen aus 1. Hand: Den attraktiven Shop mit Bio- und Fair Trade-Angebot im Herzen der Stadt gibt es seit 2009. Er verfügt über einen barrierefreien Eingang und eine Rampe im Verkaufsraum. Was einfach klingt, bedeutete für die Betreiber*innen Hélène und Andreas Reiter-Viollet unzählige Wege, Anträge und Besuche bei Ämtern. Zwischen dem Eingang und dem Platz befanden sich nämlich verschiedene Ebenen, die im Zuge der Errichtung des barrierefreien Eingangs „überbaut“ werden mussten.  Schließlich gelang es, den Eingang trotz der im Raum stehenden Frage, weshalb man nicht „einfach Stufen errichtete“, barrierefrei zu gestalten. Dies ist auch für Personen mit Kinderwagen oder Rollator praktisch
Da der Verkaufsraum von der Stadt Graz gemietet wird, sollten die Maßnahmen zur Barrierefreiheit rückgebaut werden, wenn sich der Shop nicht mehr in den Räumlichkeiten befindet.

Die Baustellenführung endete mit einer gemeinsamen Reflexion in einem Lokal direkt am Tummelplatz.

 

Eine Veranstaltung im Rahmen von Projekt Unterwegs! zusammen mit der Selbstbestimmt Leben-Frauengruppe.

 

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