Der Streifzug durch die Neubaugasse im Bezirk Lend startete auf dem Floßlendplatz. Er war ein Beitrag zu den „Grazer Wochen der Inklusion“ .
Der Spaziergang begann mit einer Vorstellungsrunde am Floßlendplatz. Das UNTERWEGS!-Team mit Irene Strauss, Ina Plattner und Edith Zitz durfte eine bunt zusammengesetzte Teilnehmenden-Gruppe begleiten: Christian Grübl, Sebastian Ronchetti und Roland Pischorn als Selbstvertreter von der MOSAIK GmbH (https://www.mosaik-web.org/) gemeinsam mit Erika Wilfling-Weberhofer von der Steir. Vereinigung für Menschen mit Behinderung: STVMB (https://stvmb.at/), weiters Inklusions-Stadträtin Claudia Unger, Beauftragter für Menschen mit Behinderung, Wolfgang Palle, Gemeinschaftsgärtnerin von „Gartenzwerge Geidorf“ (https://urbanes-gaertnern.at/gartenzwerge/) und Psychotherapeutin Gudrun Schreiner, Alena Strauss von NaNet (https://www.jukus.at/gesundheit/healthy-hackhergasse/), Sandra Freudenthaler vom Magistrat Graz – Stadtplanungsamt https://www.graz.at/cms/beitrag/10020472/7757978), Anne Rauch vom Gesundheitsfonds Steiermark (https://gesundheitsfonds-steiermark.at/) sowie zahlreiche weitere interessierte Personen.
Die Kulturanthropologin Ina Plattner leitete den Streifzug an. Sie ist unter anderem für Menschen mit psychischer Belastung bei Achterbahn Steiermark (https://achterbahn.st/) und „Psychisch fit Studieren“ aktiv. Ina Plattner brachte sozialgeschichtliche Aspekte ein, etwa zur Geschichte der Flößerei – namensgebend für „Floßlend“ – bzw. zur Identität des Bezirks Lend als Arbeiter*innenbezirk.
Der Floßlendlatz befindet sich inmitten vielbefahrener Straßen. Ein Fußweg sowie ein gemischter Rad- und Fußweg führen über den dreieckig angelegten Park. Alte Linden und Kastanienbäume spenden an heißen Tagen Schatten, in dem Parkbesucher*innen sich auf Bänken und an Stehtischen niederlassen können. Es gibt einen nicht eingezäunten Basketballplatz. Der Betonplatz davor ist uneben. Bei einer Jugendbefragung beim Stadtteilleitbild Lend Mitte wurde erhoben, dass Kinder und Jugendliche sich eine Einzäunung des Basketballplatzes wünschen, damit dieser besser nutzbar wird. Derzeit ist zu befürchten, dass der Ball auf die Straße rollt, ein*e Parkbesucher*in ihn auf den Kopf bekommt oder der Ball im Schleifbach landet.
Im Süden des Platzes betreut JUKUS ein gut besuchtes öffentliches Bücherregal. Links, bevor man den Zebrastreifen in Richtung Neubaugasse passiert, steht eine alte, ungenutzte Telefonzelle sowie eine Altkleider-Abgabestelle, die teils verunreinigt und zugemüllt ist.
Der erste Stopp war im Norden des Floßlendplatzes beim „Garten für alle“ (betreut von JUKUS – NaNet und Natur.Werk.Stadt), wo ein Rad- und Fußweg den Garten vom restlichen Platz trennt. Wie es bei mehreren Gemeinschaftsgärten der Fall ist, stießen wir hier auf die Unmöglichkeit des Zugangs für alle – etwa für Personen, die einen Rollstuhl nutzen. Der drei Hochbeete umfassende Garten verfügt über eine einfache Sitzgelegenheit und Schatten, jedoch über keinen direkten Zugang zu (Trink-)Wasser. Anrainer*innen überlegen, zukünftig Wasser durch einen Schlauch oder Eimer vom Schleifbach heraufzuholen. Dieser ist jedoch nicht immer wasserführend. Gudrun Schreiner, Psychotherapeutin mit Inklusions-Kompetenz, gab hier einen Einblick in die Welt der etwa 40 Grazer Gemeinschaftsgärten: Hier spielen Klimawandelanpassung, soziales Miteinander und Gärten als niederschwellige, konsumfreie Bildungs-Orte eine große Rolle.
Bevor es weiter zu einem Areal zwischen Zeillergasse, Neubaugasse und Grüne Gasse ging, passierten wir den Zebrastreifen zwischen Floßlendplatz und Neubaugasse. Hier stießen wir an der Ecke Neubaugasse auf eine für Rollstuhlfahrer*innen äußerst schwierig zu passierende Gehsteigschwelle. Auch fehlt an diesem Übergang eine Ampel mit akustischen Signalen für sehbeeinträchtigte Menschen.
Am Areal angekommen, stieß Dr.in Christine Angkawidjaja zur Gruppe, eine engagierte Hausärztin mit Ordination in der Neubaugasse. Sie betreut mit ihrem Team ihre sehr diversen Patient*innen auch mit Hausbesuchen. Sie erzählte über ihren beruflichen Alltag und der Schwierigkeit, aufgrund baulicher Gegebenheiten barrierefreie Ordinationen zu finden. Zur Sprache kam, dass die Sommerhitze in der fast baumlosen Neubaugasse belastend ist. Weiters, dass geflüchtete Menschen keinen Zugang zur Hauskrankenpflege erhalten, was ihre Gesundheitsbelastung vergrößert.
Die Gruppe querte die Neubaugasse und gelangte zum Einsatzzentrum Lend des Roten Kreuzes für „Mobile Pflege und Betreuung“ (www.rotes.kreuz.at/steiermark). Dort gab uns die Einsatzleitung-Stellvertretung DGKP Birgit Pagonis Einblicke aus erster Hand in ihre Arbeit. Unter anderem wurde die Schwierigkeit thematisiert, das Areal barrierefrei zu gestalten, was auch hier aus baulicher Sicht nicht möglich sei. Es gibt nur eine Außentreppe. Zahlreiche Fragen wurden beantwortet, speziell zum Umgang mit Hitze bei der Betreuung von Klient*innen in deren privaten Wohnungen bzw. bei der Mobilisierung. Die Aufgabe der Kolleg*innen der Rot-Kreuz-Stelle ist neben der Versorgung mit Medikamenten auch die Mobilisation: Bei heißem Wetter achten sie darauf, wenn möglich am Vormittag mit den Patient*innen zu gehen. Wichtig zu wissen: Die Sturzgefahr steigt exponentiell bei höheren Temperaturen. Im Bezirk Lend gibt es noch alte Wohnungen mit teilweise WCs am Gang. Dies kann schwierig werden, wenn Patient*innen immobil werden oder z.B. aus dem Krankenhaus entlassen werden sollten. Wasser wurde gereicht und Frau Pagonis machte darauf aufmerksam, wie wichtig – vor allem im Sommer – Trinken (mind. 1,5 Liter Wasser pro Tag) und richtiges Lüften (früh am Morgen oder nachts, tagsüber Fenster schließen und abdunkeln) sind.
Das Vermessungsamt der Stadt Graz bietet übrigens Datenauszüge zur Einschätzung der Hitzesituation aus dem Klimainformationssystem (KIS) an. Geplant ist die Umsetzung einer automatischen adressgenauen Abfrage zu Daten aus dem KIS.
Bei der nächsten Station wurde Stadträtin Dr.in Claudia Unger gebeten, einen Impuls aus ihrem Tätigkeitsbereich zu geben. Auf Basis der Inklusionsstrategie der Stadt Graz entstand der Grazer Inklusionsbericht. Ein zentraler Fokus ist dabei Mobilität und Wohnen. Die Verknüpfung zu ihren weiteren Ressorts Kunst und Kultur ist Claudia Unger ein großes Anliegen, da dies einen bedeutenden Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe aller darstellt. Vermittelt wird dies z. B. durch das Projekt „Kultur Inklusiv“ KUIN (https://kuin.at/).
Edita Mayr von MEGA (https://www.mega-plattform.at/über-mega-wer-sind-wir) wies dankenswerterweise auf mehrsprachige Ärzte*innen in der Gegen hin. An der Ecke zur Buhnengasse erfolgte die Verabschiedung eines Teils der Gruppe.
Ein anderer Teil ließ den Nachmittag noch bei einer gemeinsamen Reflexion im Café Sorger in der Wiener Straße ausklingen: Es verfügt über eine barrierearme Gestaltung und eine barrierefreie Toilette. Dass die Personen direkt am Tisch ihre Bestellungen aufgeben konnten – obwohl beim Sorger eigentlich Selbstbedienung ist – war eine erfreuliche, inklusive Erfahrung.
Beim Austausch ließ sich zusammenfassend feststellen:
Einer Teilnehmerin mit Sehbeeinträchtigung fiel es in der Gruppe wesentlich leichter, sich auf dem Floßlendplatz und in der Neubaugasse zu bewegen, da durch dieses Miteinander in der Gruppe für sie eine gute akustische Orientierung gegeben war.
Der Floßlendplatz erwies sich als „mäßig gut“ zu erreichen. Er war vielen Teilnehmenden unbekannt. Einige empfanden ihn als unscheinbar und wenig attraktiv. Der Platz wirkt insgesamt unruhig. Ein rollstuhl-fahrender Teilnehmer erzählte, er habe sich am Floßlendplatz generell unwohl und nicht sicher gefühlt. Speziell weibliche Anrainer*innen setzen sich weniger hin, da sich dort vor allem Männer und Burschen aufhalten.
Vom Floßlendplatz bis hin zur Buhnengasse gibt es in der Neubaugasse weder öffentliche Toiletten noch Trinkbrunnen und keine Sitzgelegenheiten.
Bedauert wurde, dass der kleine Gemeinschaftsgarten „Garten für alle“ von Rollstuhlfahrer*innen nicht genutzt werden kann. Beim Streifzug mussten diese am Radweg verweilen, was für sie selbst und für passierende Radfahrer*innen als unangenehm wahrgenommen wurde. Gerade für Kinder und Familien schätzte die Gruppe den Floßlendplatz als nicht ideal ein, da dieser von Straßen umgeben ist, auf denen Autofahrer*innen nicht immer die Geschwindigkeitsbeschränkungen einhalten. Dadurch ist permanent ein gewisser Lärmpegel gegeben. Außerdem ist die Benutzung des Basketballplatzes vor allem durch Kinder und Jugendliche nicht gut möglich, da dieser nicht eingezäunt ist.
Die Neubaugasse ist als Wohnstrasse angenehm ruhig. Sie ist baulich so gestaltet, dass die Verkehrsteilnehmer*innen die Geschwindigkeitsbeschränkungen einhalten sollten. Es gibt trotzdem immer wieder Autos, die zu schnell fahren.
Die Gehsteige in der Neubaugasse sind ausreichend breit, um mit dem Rollstuhl sicher befahren zu werden, was sehr gelobt wurde. Allerdings ist die Auffahrt auf diese für Rollstuhlfahrer*innen an einigen Stellen schwer zu bewerkstelligen.
Schatten durch Bäume ist am Floßlendplatz üppig, in der Neubaugasse aber rar, was daran liegt, dass das Pflanzen von Bäumen in der Gasse aufgrund von Leitungsverläufen unter der Erde schwierig ist. Ähnlich verhält es sich bei der Installation von Trinkbrunnen und Toiletten – dies könnte jedoch im Zuge von Neuplanungen im Areal nach Möglichkeit verbessert werden.
Jugendliche und Kinder sind in der Neubaugasse selten unterwegs– der Grund dafür: Es gibt keine Angebote für sie.
Wissenswert ist, dass die Stadt Graz für Sitzbänke aktuell ein Budget zur Verfügung stellt. Personen werden motiviert, Hinweise darauf, wo Bänke notwendig und sinnvoll sein könnten an die E-Mail-Adresse stadtplanung@stadt.graz.at zu schicken.
Durch den Austausch zeigte sich einmal mehr, wie wichtig die Betrachtung öffentlicher Plätze aus Perspektive von Menschen unterschiedlichster Lebenswelten ist.































