Raum einnehmen auf der Grazer Stadkrone!
Der Streifzug „In Bewegung! Wohlbefinden im öffentlichen Raum“ fand als Rundgang über die Grazer Stadtkrone statt. Diese ist seit 1999 Teil des UNESCO-Welterbes der Stadt Graz. Herausgearbeitet wurden die Vor-Ort-Erfahrungen von Menschen mit psychischen, neurologischen und physischen Herausforderungen im öffentlichen Raum in diesem touristisch stark genutzten Areal.
Die Herangehensweise MHIAP (Mental Health in All Policies) bildete den Hintergrund der Begehung: Das bedeutet, dass seelische Gesundheit in alle möglichen Politikfelder eingebaut wird. Der Rundgang fand im Rahmen der internationalen Konferenz „Highway to Health“ der Stadt Graz (Gesundheitsdrehscheibe) statt. Er begann mit einer Vorstellungsrunde vor dem Volkskundemuseum in der Paulustorgasse. Das UNTERWEGS!-Team begrüßte die bunt zusammengesetzte Gruppe – Privatpersonen, ein Selbstvertreter aus dem Inklusionsbereich, weitere Fachleute und Vertreter*innen aus dem Magistrat Graz (Gesundheitsamt und Magistratsdirektion – Bereich Klimaschutz). Das Team und eine Teilnehmerin dolmetschten den Rundgang auf Englisch. Inna Stallegger leitete den Streifzug gemeinsam mit Irene Strauss von inspire an.
Inna Stallegger ist seit der Pension ehrenamtlich aktiv beim Selbsthilfe – Verein „HPE Steiermark“, der Angehörige psychisch erkrankter Menschen in der Steiermark begleitet. Sie berichtete, wie sie als ältestes Mädchen einer Familie mit 8 Kindern schon früh Verantwortung übernommen hat. Beruflich sehr vielfältig und immer für Empowerment und für Hilfe zur Selbsthilfe engagiert, arbeitete sie u.a. 20 Jahre bei alpha nova.
Die steile Zufahrt zum Volkskundemuseum erwies sich wegen der Pflastersteine als holprig für einen Rollstuhlnutzer.
Der erste Abstecher war die Antoniuskirche, direkt beim Volkskundemuseum. Dass dies aus Sicht des steirischen Gesundheitswesens ein historisch aufgeladenes Areal ist, war den Teilnehmenden unbekannt: Kaiser Joseph II. löste nämlich zahlreiche kirchliche Einrichtungen auf. So auch den „Grazer Hof“ auf dem Areal der heutigen Antoniuskirche, des Volkskundemuseums und des Gerichtsgebäudes in der Paulustorgasse. 1786 errichtete er hier das erste Allgemeine Krankenhaus. Daran angeschlossen war ein sog. „Tollhaus“ (so die historische Bezeichnung). Das war die 1. steirische psychiatrische Einrichtung. Sie wurde im Jahr 1874 in den neu errichteten „Feldhof“ im Süden von Graz verlegt. Das Wissen um solche räumlichen Zusammenhänge hilft, aktuelle an den Menschenrechten orientierte gesundheitspolitische Entwicklungen in einen geschichtlichen Kontext zu stellen.
Inna Stallegger bot in der Paulustorgasse einen Überblick über das Angebot der Kinder- und Jugendanwaltschaft und ihre sozial- und gesundheitsbezogenen Leistungen. Dazu gehört u.a. psychosoziale Beratung, inklusive einer Mobbingberatung. Umgang mit Hitzebelastungen im Schul-Alltag ist seit 2026 ein zunehmendes mediales Thema, das mit Kinderrechten Hand in Hand geht.
Der Weg führte dann zum Karmeliterplatz. Dieser wurde 2005 neu gestaltet. Das 12 mal 12 Meter große Wasserbecken bietet Abkühlung, es ist auch entsprechend seicht. Obwohl über 30 Bäume abwechselnd mit Sitzmöbeln platziert sind, wirkt es in der Sommerhitze nicht einladend. Er ist jedoch gut berollbar und hat von der Paulustorgasse ausgehend keine Barrieren.
Im Karmeliterhof findet sich die Beratungsstelle Logo Jugendmanagement mit einem breiten Angebot für Jugendliche, Professionist*innen, aber auch Multiplikator*innen in der Steiermark. Die Beratungsstelle für Gesundheitsausbildungen des Landes Steiermark findet sich ebenfalls in dem Gebäude. Dieses Angebot war den Teilnehmenden neu.
Der Hitzeschutz am Karmeliterplatz erfolgt primär durch die Bäume (Beschattung, Verdunstung), die jedoch alle auf einer Seite Richtung Landesverwaltung und Landesarchiv stehen. Es gibt einen Trinkbrunnen. Der Platz sollte grüner und somit gesundheitsförderlicher werden, um möglichst viele Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen abzudecken, zum Beispiel Personen mit psychischen/neurologischen Belastungen, die die Hitze schwer ertragen.
Die Gruppe bewegte sich weiter zur Hartiggasse zwischen Schauspielhaus und Freiheitsplatz. Barrierefreiheit ist hier gegeben, da die Gehsteige von der Straße her gut zugänglich und ausreichend breit sind.
Hier kam der „Trialog“ zur Sprache. Er findet einmal im Monat in Graz und in Gleisdorf statt. Die gemischte Gesprächsgruppe bietet kostenfrei und ohne Anmeldung einen offenen Austausch zwischen Menschen mit psychischen Belastungen, An- und Zugehörigen und beruflich in diesem Feld Tätigen. Er wird von Frauen und Männern gleich gut angenommen.
Der Freiheitsplatz hat Bankerl und Trinkbrunnen zu bieten. Die Umbenennung zum Freiheitsplatz erfolgte am 12. November 1918, als die erste Österreichische Republik proklamiert wurde. Beim Schauspielhaus stellte Inna Stallegger den Zusammenhang zwischen hochwertigem kreativem Schaffen und psychischen Ausnahmezuständen zahlreicher Künstler*innen her. Auch Social Prescribing kam hier zur Sprache: Das ist ein innovativer Ansatz, um gesundheitsrelevante, psychosoziale und emotionale Bedürfnisse in der Primärversorgung systematisch einzubauen. Kostenfreie und niederschwellige Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen gehört dazu, auch um der für die Gesundheit bedrohlichen Einsamkeit und Isolation entgegenzuwirken.
Eine Vertreterin des Instituts für Epilepsie in Graz stellte ihre Tätigkeiten vor. Dabei kam die Verbindung von epileptischen Anfällen und Sommerhitze zur Sprache.
Weiter ging es zur Hofgasse Richtung Dom. Hier wurde die Arbeit der Diözese Graz mit dem Institut für Familienberatung und Psychotherapie vorgestellt, wo eine der Teilnehmerinnen beruflich engagiert ist. Zugleich kam zur Sprache, dass es hochproblematische und riskante Formen des Machtmissbrauches in religiösen Settings gibt. Diese sind zu benennen und zu bekämpfen.
Wenig bekannt ist übrigens die mit EURO Key-zugängliche, geräumige „Behinderten-Toilette“ direkt unter dem Burgtor. Saubere Toilettenanlagen sind zentral, damit Personen im öffentlichen Raum gut unterwegs sein können – das notwendige Trinken in der Sommerhitze bedeutet ja auch, dass man die WC-Anlagen öfter aufsuchen muss.
Zurück zur Hofgasse warf die Gruppe einen Blick auf die Abteilung 11, die u.a. für die Sozialangelegenheiten des Landes zuständig ist. Die Abteilung bietet keine eigenen Unterlagen oder Maßnahmen zur Schnittstelle Armutsgefährdung und Beeinträchtigung durch Sommerhitze an. Dies ist leider eine deutliche Leerstelle. Die Gesundheitsabteilung des Landes und der Gesundheitsfonds befassen sich jedoch mit dieser Thematik: Sozioökonomisch schlechter gestellte Menschen und Personen mit Behinderungen sind stärker von Klimaextremen betroffen und somit vulnerable Gruppen. Der Zugang zu Sozialleistungen wie Pflegegeld und das Unterstützungs-System für Menschen mit Behinderung wurde vor Ort dargestellt. Der Hinweis auf die Tätigkeit der Anwaltschaft für Menschen mit Behinderung kam ebenfalls zur Sprache: Sie unterstützt mit multiprofessionellem Team bei einschlägigen Anliegen. Weiters gab es einen Fachinput zum steirischen Hitzeschutzplan und zum darauf basierenden Grazer Hitzeaktionsplan: letzterer wurde ressortübergreifend entwickelt, dynamisch weitergeführt und erstmalig 2025 vorgestellt
Die praktische Erprobung aus der Sicht von Rollstuhlfahrer*innen ergab, dass die Sporgasse aufgrund des Bodenbelages für die Rückfahrt zum Volkskundenmuseum nicht geeignet ist. Daher wurde der gleiche Weg retour gewählt.
Der Rundgang endete mit einer gemeinsamen Reflexion direkt beim Volkskundemuseum.













